Am 25. April 2026 wird zum zwanzigsten Mal der internationale Tag der Eltern-Kind-Entfremdung begangen. Ein Anlass zur Erschütterung.
Es gibt Gedenktage, die man sich irgendwann überflüssig wünscht — weil das, woran sie erinnern, überwunden ist. Der internationale Tag zur Eltern-Kind-Entfremdung, der am 25. April zum zwanzigsten Mal begangen wird, gehört leider nicht dazu. Er ist noch immer so notwendig wie am ersten Tag. Das ist das eigentlich Bedrückende.
Eltern-Kind-Entfremdung beschreibt einen Prozess, bei dem ein Kind durch einen Elternteil — meist nach Trennung oder Scheidung — mehr oder weniger systematisch dazu gebracht wird, den anderen Elternteil abzulehnen oder zu fürchten, ohne dass sachliche Gründe dafür vorliegen. Das Ergebnis: Ein Elternteil verliert den Kontakt zum eigenen Kind. Das Kind verliert einen Teil seiner Identität. Und in vielen Fällen: beides still, unsichtbar, ohne dass irgendjemand eingreift oder gar hilft.
"Kinder brauchen ihre Eltern — beide. Jede Form der Entfremdung ist in erster Linie ein Angriff auf das Kind selbst, nicht nur auf den entfremdeten Elternteil."
Was das Thema in Deutschland besonders schwer macht, ist nicht allein die Komplexität des Phänomens — es sind sowohl Desinteresse der Politik und als auch aktive Leugnung. Bestimmte Lobbygruppen, welche die Grundrechte von Kindern ignorieren und sich auf die Interessen eines Elternteils konzentrieren, haben über Jahre erfolgreich daran gearbeitet, Eltern-Kind-Entfremdung als manipulatives Konstrukt darzustellen. Das Argument: Das Konzept werde missbraucht, um Gewalt zu verschleiern. Dieses Argument ist nicht vollständig falsch — Missbrauch von Schutzbehauptungen gibt es in jede Richtung. Aber es wird instrumentalisiert, um das gesamte Phänomen und die Betroffenen zu delegitimieren. Mit dem Ergebnis, dass Familiengerichte, Jugendämter und Gutachter das Thema oft meiden wie eine heiße Herdplatte.
Die Folge ist ein institutionelles Vakuum: Betroffene Eltern kämpfen jahrelang durch Instanzen, ohne Gehör zu finden. Kinder werden nicht angehört — oder wenn doch, werden ihre Aussagen als Ausdruck von Loyalitätskonflikten ignoriert statt hinterfragt. Das System schützt in solchen Fällen niemanden — am wenigsten das betroffene Kind.
Dass dieser Gedenktag auch zwanzig Jahre nach seiner Einführung noch immer notwendig ist, sollte die Gesellschaft beschämen. Nicht im Sinne kollektiver Schuld, aber als Aufforderung: Entfremdung ist kein Randphänomen, kein Hirngespinst verbitterter Elternteile und kein Problem, das sich von selbst löst. Es ist eine Form psychischer Gewalt — gegen Kinder, angerichtet im Namen der Fürsorge. Solange Gesellschaft, Justiz und Politik das nicht klar benennen, brauchen wir diesen Tag. Leider.
