Ein bedeutendes Phänomen in Familien, in denen die Kinder nur mit einem Elternteil zusammen leben, ist das Phänomen der "Entfremdung", auch EKE (Eltern-Kind-Entfremdung), PAS (Parental Alienation Syndrom) oder AB-PA (Attachment Based Parental Alienation) genannt. 

Eltern-Kind-Entfremdung ist wird von einigen Menschen bestritten. Wobei es paradoxerweise nicht umstritten ist, dass Kinder Entfremdung erleben. Aber dies als "Syndrom", also als Krankheitsbild einzustufen, geht Professionen zu weit. Sie siehen die Entfremdung des Kindes von einem Elternteil, meist vom Vater, als naturgegeben an und ordnen dem durch Entfremdung betroffenen Kind Sozialkompetenz zu. Die wissenschaftlich belegten, gesundheitsschädlichen Auswirkungen werden dabei ignoriert.

sad boyEin von Entfremdung betroffenes Kind lehnt einen Elternteil ab, so lautet die gebräuchlichste Formulierung. In Wirklichkeit hegt das von Entfremdung betroffene Kind in der Regel abgrundtiefen Hass gegen den entfremdeten Elternteil, für den es keinen in der Person auffindbaren Grund gibt. Für dieses Verhalten ist gemeinhin der entfremdende Elternteil verantwortlich, welcher den anderen gegenüber dem Kind ständig in ein schlechtes Licht rückt, sich über Nickeligkeiten aufregt oder gar Tatsachen verdreht und zu Unrecht Vorwürfe macht. Dieses Verhalten wird kombiniert mit gespielter oder tatsächlich empfundener - objektiv aber nicht nachvollziehbarer - Hilflosigkeit, so dass das Kind ständig das Gefühl hat, es müsse dem entfremdenden Elternteil helfen, diesen von Not befreien und vor dem "bösen anderen" schützen. Diese Botschaften laufen auf rein emotionaler Ebene und sind daher schon für Kleinkinder verwertbar und werden auch von Heranwachsenden in der Regel nicht durchschaut. Das Kind, welches natürlich ständig überfordert ist, seinen Elternteil zu schützen, ihm zu helfen und zu retten, verspürt selber Hilflosigkeit (die auch objektiv nachvollziehbar ist) und entwickelt Wut und Hass, welche sich bald gegen den vermeintlichen Täter ausrichten, der den Familienfrieden bedroht. 

Kinder, die in einer Entfremdungspirale sitzen, bekommen weder Aufklärung noch Hilfe. Niemand hinterfragt, was der entfremdende Elternteil und das Kind über den Abwesenden. Dies hat zur Folge, dass erwachsene Menschen zumindest Empathie oder Mitlied empfinden oder gar aktive Unterstützung im vermeintlichen Kampf gegen das Böse zusagen. Das Kind erlebt: Der entfremdende Elternteil macht alles richtig und jeder hasst den anderen. 

Kinder stammen nicht nur biologisch von ihren leiblichen Eltern ab. Sie tragen die elterlichen Gene in sich und entwickeln sich nur dann zu sozial- und emotional­kompetenten Menschen, wenn ihre genetische Bestimmung auch von denjenigen Eltern geleitet, geprägt und gefördert wird, von denen sie abstammen. Denn nur diese wissen in der Regel, wie sie mit den genetischen Grundlagen, die sie dem Kind vererbt haben, soziale und emotionale Kompetenz entwickeln und sich in psychischer und physischer Hinsicht auf ihre Stärken und Schwächen einlassen können. 

efkir kritisiert das routinemäßige Vorgehen von Jugendamts­­mit­arbeiterinnen, Mitarbeitern von Beratungs­stellen, Familien­richterinnen und psycho­logischen Sach­verständigen (alle m/w/d), welche nur punktuell auf die bestehenden Bindungs­verhältnisse zwischen dem Kind und seinen zwei Elternteilen schauen und diese zur Grundlage aller Entscheidungen machen.

sad boy2Verliert ein Kind die Bindung zu einem Elternteil - oder hatte es nie die Gelegenheit, eine Bindung aufzubauen - werden dem Kind allenfalls Minimal­kontakte zu diesem zugestanden. Für die kindliche Entwicklung ist es aber unabdingbar, dass es ein Gleichgewicht im kindlichen Bindungs­bedürfnis gibt, so dass das Kind mal den einen, mal den anderen Elternteil ablehnen kann. Nur eine solche Entwicklung ist "normal" und schafft die Grundlage für Bindungs­sicherheit bis ins hohe Alter. Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch aus Ulm bietet hierfür von Theorie bis Praxis und Fortbildung alles an, was Fachkräfte zu dem Thema wissen müssten. 

Ein Gleichgewicht im kindlichen Bindungsbedürfnis muss so gestaltet sein, dass das Kind sich jederzeit an einen der beiden Elternteile binden oder diesen ablehnen darf und kann. Im Gegensatz zum Fachbegriff der "Bindungstoleranz" stützt sich das Gleichgewicht im kindlichen Bindungsbedürfnis nicht auf die Toleranz der Eltern, Bindungen zuzulassen, sondern auf das Bedürfnis des Kindes, Bindungen jederzeit ablehnen und annehmen zu wollen. Unabhängig vom Alter der Kinder wechseln Bindungen algorithmisch und themenorientiert. Ein Elternteil kann monate- oder jahrelang Hauptbezugsperson des Kindes sein, und dennoch wechseln Kinder während ihres Heranwachsens mehrmals die Auswahl der Hauptbezugsperson. Neben der Hauptbezugsperson wird aber auch der andere Elternteil regelmäßig, je nach Verfügbarkeit, bevorzugt. 

Wenn es also um die Interessen und das Wohl des Kindes geht, sollte ihm jeder Elternteil stets zur Verfügung stehen. Da dies bei getrennten Eltern nicht möglich ist, sollte zumindest jeder Elternteil in einem ausgewogenen Maß zur Verfügung stehen, so dass das Gleichgewicht im kindlichen Bindungsbedürfnis hergestellt ist. 

Es ist falsch, wenn Professionen, die dem Kindeswohl frönen, von getrennt lebenden Eltern fordern, dass sie den Beweis erbringen, dass sie eine gute Bindung zu ihrem Kind haben. Richtig wäre, dass Fachkräfte das Gleichgewicht im kindlichen Bindungsbedürfnis als neutrale Stelle ermitteln und dort unterstützen und fördern, wo eine Bindung zu schwach erscheint oder zu kippen droht.