Zwei KissenBei Trennung und Scheidung gilt in Deutschland auch heute noch das gesetzlich vorgegebene Prinzip der sogenannten Einzelresidenz. Hierbei wird nur einem Eltern­teil die Betreuung des Kindes zugeordnet, während der andere Elternteil ausschließlich für die Finanzierung verantwortlich ist und ihm ein Umgangsrecht eingeräumt wird. Dies führt in der Regel dazu, dass das Kind den engen Kontakt zu dem nicht betreuenden Elternteil verliert, weil dieser nicht mehr am Alltagsleben des Kindes teilnehmen kann.

Boykottiert oder beschränkt der betreuende Elternteil den Umgang, so stellt die verfassungs­mäßige Gleichstellung der Eltern als Makulatur heraus. Familiengerichte zeigen sich häufig allein schon aus Zeitgründen überfordert mit der individuellen Bewertung des Einzelfalls, ignorieren in der Regel die Bedürfnisse und Wünsche der betroffenen Kinder und urteilen aus Gewohnheit nach den veralteten Ideologien der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Was könnte man besser machen? Die internationale Forschung belegt schon seit Jahren, dass für eine gesunde Entwicklung von Kindern beide Elternteile notwendig sind. Sie erledigen ihre Aufgaben in Betreuung und Erziehung auf unterschiedliche Weise und geben Ihrem Kind jeweils ihren Anteil an Rüstzeug für das Leben mit. Ein gleich gutes Verhältnis zu beiden Elternteilen kann aber nur dann erhalten werden, wenn beide auch nennenswerte Alltagszeit mit dem Kind verbringen können. Es kommt hierbei nicht nur auf die Qualität der miteinander verbrachten Zeit an, sondern auch auf die Quantität.

Eine paritätisch aufgeteilte Betreuung durch Mutter und Vater wird häufig als Wechselmodell bezeichnet. Dies ist jedoch irreführend, die in der Praxis die Wechsel für Kinder zwischen den Haushalten seltener stattfinden als bei der Einzelresidenz. Insofern ist der Begriff der "Doppelresidenz" vorzuziehen. Betrachtet man aber die üblichen Umgangsregelungen im Residenzmodell mit 14-tägigen Wochenenden und einem weiteren Tag unter der Woche, so haben die Kinder pro Monat zwischen 8 und 12 Wechsel von einem zum anderen Elternteil zu bewältigen. Bei der Doppelresidenz in der häufig gewählten Form „eine Woche Mama – eine Woche Papa“ sind es pro Monat nur 4 Wechsel. Somit ist das Residenzmodell häufig das eigentliche „Wechselmodell“.